Erinnern und Gedenken
Verfolgung und Widerstand in Sangerhausen 1933-1945

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Arno Lustigers Flucht vom Todesmarsch der Häftlinge des KZ Langenstein-Zwieberge am 12. April 1945 bei Quenstedt

"In der vierten Nacht flüchtete ich bei Quenstedt vom Marsch. Kurz nach Mitternacht klopfte ich vor Hunger an einem Bauernhaus an, um ein Stück Brot zu bekommen. An der Tür erschien ein Wehrmachts-offizier. Er musterte mich streng: warten Sie hier und laufen Sie nicht weg! Ich war über­zeugt, dass er per Telefon die Feldgendarmerie alarmieren würde, um sich selbst nicht die Hände mit einem entlau­fenen Häftling schmutzig zu machen. Nach einer Weile, die für mich eine Ewigkeit dauerte, kam er mit einem gan­zen Kommissbrot heraus, wandte sich um und verschwand wieder im Haus, die Tür hinter sich zuschlagend. Drau­ßen vor dem Dorf fand ich eine Gartenhütte, in die ich mich für den Rest des Tages verkriechen wollte. Doch gegen morgen weckte mich das Gebell von Hunden, die mich auf gespürt hatten. Zwei mit Gewehren bewaffnete Volks­sturm-Männer befahlen mir, mich zu den acht Häftlingen zu gesellen, die in dieser Nacht ebenfalls geflüchtet und gefasst worden waren. Wir wurden zum Lagerplatz unse­rer Marschkolonne geführt, die sich nur wenige Kilometer weiter ausruhte. Ich wusste, dass dies nun unwiderruf­lich die letzte Stunde meines Lebens war, denn auf „Flucht“ stand die sofortige Exekution. Kurzentschlossen lief ich in der Nähe eines Waldes einfach weg. Es war mein Glück, dass mich keine der vielen Kugeln, die mir nach geschos­sen wurden, traf.  Ich irrte im Wald umher, hörte aus der Ferne Ge­schützdonner und wusste nicht, wo die offenbar nahe Frontlinie verlief. Plötzlich hörte ich Schritte. Es war ein deutscher Deserteur, ohne Koppel und Waffe, der aus der Gegend stammte und einfach nach Hause wollte, dort, wo schon die Amerikaner waren. Durch hohes Tempo versuchte er mich, der sich an seine Fersen geheftet hatte, loszu­werden. Er hätte mich auch mit einem Schlag ins Jenseits befördern können, aber offenbar wollte er die ersten Stun­den seiner Freiheit nicht mit einem Mord beginnen.  Nach einer gewissen Zeit verlor ich wieder das Bewusstsein. Irgendwann hörte ich wie im Traum englische Worte. Es war eine amerikanische Patrouille, die mich am Waldesrand aufgelesen und, auf dem einem Panzerwagen festgeschnallt, ins Feldlazarett gebracht hatte. Ich war jetzt frei, aber halbtot." (Gekürzt)

Quelle: Jutta Dick, Marina Sassenberg, Führer durch das jüdische Sachsen-Anhalt, Potsdam 1998, S. 326-333 passim

Aus der Lesung "Spuren der Todesmärsche im Landkreis Mansfeld-Südharz" am 3. März 2020 in der "Oase", Sangerhausen, Kornmarkt 3. Den Text der gesamten Lesung finden Sie HIER.


Liste der bisher ermittelten Sangerhäuser Jüdinnen und Juden, die Opfer des Holocaust wurden. Verlesen beim Gedenken am 27. Januar 2020










































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Rundbriefe


  • Rundbrief 7 / Januar 2019 LESEN
  • Rundbrief 6 / November 2019 LESEN
  • Rundbrief 5 / Oktober 2019 - LESEN
  • Rundbrief 4 / August 2019 - LESEN

Flugschriften


Flugschrift Nr.1 / 2010

Christlicher Widerstand in Sangerhausen: Albrecht Gubalke ; Hüttenstraße 26 im Frühjahr 1942 ; Synagogen in Sachsen-Anhalt ; Gegen Geschichtsfälschung: Gedanken zur Bombardierung Dresdens 13./14. Februar 1945 ; Eislebener Blutsonntag 1933. Hier lesen.

Flugschrift Nr. 2 / 2010

Befreiung Buchenwalds vor 65 Jahren ; Franz Heymann: Weg eines Sangerhäuser Sozialdemokraten ; Christlicher Widerstand: Alban Hess starb vor 40 Jahren ; Todesmarsch Rottleberode-Gardelegen 1945 ; Der Friesdorfer Pfarrer Johannes Lepsius wurde "Engel der Armenier". Hier lesen.

Flugschrift Nr. 3 / 2010

8. Mai 1945 - Bittere Einsichten auch nach 65 Jahren ; Bekennende Kirche in Sangerhausen ; Zwangsarbeit in Sangerhausen - das zivile Gesicht des Krieges ; Kommunistischer Widerstand: Schicksal des Arbeiterfunktionärs Paul Beck ; Richard von Weizsäcker: Argumente zum 8. Mai. Hier lesen.

Flugschrift Nr. 4 / 2010

Christlicher Widerstand: Der Pfarrer Ernst Orphal ; "Sangerhäuser Zeitung"  und Nationalsozialismus; Kommunistischer Widerstand neu beleuchtet: Das KZ Lichtenburg ; Die Jüdische Gemeinde in Eisleben: ein kurzer Überblick. Hier lesen. 

Flugschrift Nr. 5 / 2010

Der OdF-Tag - zu Recht vergessen? ;  Walter Telemann ; Der Rote Ochse in Halle: Krystyna Wituska und Wilhelm Kriz ; Drei Katholische Priester vor Hitlers Richtern: Carl Lampert, Herbert Simoleit, Friedrich Lorenz. Hier lesen.

Flugschrift Nr. 6 / 2010

Der 9. November - kein einfacher Gedenktag ; Juden in Sangerhausen ; Namen jüdischer Mitbürger, deren Lebensdaten in die Zeit der Judenverfolgung 1933-1945 fallen ; Euthanasie im NS-Staat ; Das Schicksal der Elisabeth G. (1900-1941). Hier lesen.



Alban Hess-Jubiläum


1. Herbert Gerhardt über seine Begegnung mit Alban Hess im Jahr 1937

2. Widerstand, Verhaftung, Neubeginn nach 1945

3.  Herbert Gerhadt berichtet über konspirative Treffs von Sangerhäuser Nazigegnern in der Bücherstube von Alban Hess 

4. Alban Hess als Familienvater - eine Tochter erinnert sich.

5. Als Lehrling bei Alban Hess, Wolfgang Steffen berichtet. 

6. Alban Hess und die St. Michael Buchnandlung - Rudi Endrejat erinnert sich.


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Stand: 2017